Hintergrund

Das Geschichtsfestival Historiale im Nikolaiviertel

Die Historiale ist Europas größtes Geschichtsfestival. Mit jährlich wechselndem Thema machen wir in der letzten Augustwoche des Jahres, Geschichte live erlebbar. Zu unserem Programm gehören Stadtführungen, Vorträge, spektakuläre Aktionen und der historische Markt im Nikolaiviertel.

Das Nikolaiviertel rund um die Kirche St. Nikolai:

Die NikolaikircheDas Nikolaiviertel ist das älteste Viertel Berlins, hier wurde Berlin (damals noch Cölln) 1237 gegründet. Rund um die die Kirche St. Nikolai entwickelte sich eine Siedlung mit zwei Kernbereichen, die durch die Spree getrennt waren: Cölln und Berlin. Die Kirche wurde 1200, noch vor der Gründung Berlins, fertiggestellt. Sie ist somit die älteste Kirche in ganz Berlin.
Heute ist von der alten Architektur des Viertels leider nicht mehr viel erhalten, da das Viertel im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Nach Kriegsende übernahm die DDR den Wiederaufbau des Viertels im Plattenbaustil.Trotzdem erinnert das Nikolaiviertel mit seiner Fußgängerzone und den kleinen Gassen noch immer an das alte Berlin: ein idealer Ort für das Geschichtsfestival Historiale.


Der Historiale-Markt im Nikolaiviertel:

Der Historiale-marktIn diesem Jahr widmet sich der Historiale-Markt unter dem Motto „Zille sein Milljöh“ der Deutschen Kaiserzeit von 1871 bis 1918. Zur Eröffnung des historischen Marktes im Nikolaiviertel werden die Deutschen Kaiser mit ihren Truppen durch das Brandenburger Tor einziehen und weiter bis zu Berlins historischem Kern. Mit über 40 Marktständen, mehr als 300 Geschichtsdarstellern, sowie Tänzern und Musikern wird die Historiale das Nikolaiviertel von Freitag bis Sonntag in die Kaiserzeit und „Zille sein Milljöh“ zurückversetzen. Ein durchgehendes Bühnenprogramm auf der großen Bühne des Marktes ist vorbereitet, neben Tanzvorführungen und Musik auch werden Interviews mit wichtigen historischen Persönlichkeiten wie Heinrich Zille, Werner von Siemens, Otto von Bismarck und vielen anderen stattfinden.

Geschichtsdarsteller:

ReenactorsÜber 300 Geschichtsdarsteller, auch Reenactors genannt, werden während des ganzen Wochenendes im Nikolaiviertel aktiv sein. Sie sind meist in Vereinen organisiert undn kommen aus ganz Deutschland. Da sie das sogenannte Reenactment als ihr Hobby betreiben, sind sie sehr engagiert und kennen sich mit dem geschichtlichen Hintergrund ihrer dargestellten Persönlichkeit sehr gut aus. Neben der Historiale nehmen sie auch an anderen Veranstaltungen dieser Art in ganz Deutschland teil.


Geschichtlicher Hintergrund:

Die Deutsche Kaiserzeit 1871 bis 1918

Was war 1871?

Kaiserproklamation im Spiegelsaal von VersaillesVor 1871 bestand Deutschland aus vielen kleinen Staaten. Im Jahre 1871 kam es zur Reichseinigung und Gründung des Deutschen Reiches. Deutschland wurde aus vielen Kleinstaaten zu einem einheitlichen Nationalstaat. Nach dem Sieg der verbündeten deutschen Truppen gegen Frankreich traten die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund bei und machten damit den Weg für die Reichseinigung frei. Unter der Leitung von Otto von Bismarck riefen Fürsten und hohe Militärs im Spiegelsaal von Versailles (Frankreich) Wilhelm I. zum „Deutschen Kaiser“ aus

Welche Kaiser regierten zur Kaiserzeit?

Kaiser Wilhelm II.Kaiser Wilhelm I. regierte bis zu seinem Tode 1888 und war, da er die Tugenden des „alten Preußens“ verkörperte, beim Volk sehr beliebt. Trotzdem wurden auf ihn während seiner Amtszeit insgesamt 4 Attentate verübt, bei denen er jedoch nur leicht beziehungsweise gar nicht verletzt wurde.
Sein Todesjahr 1888 ist auch bekannt als das Dreikaiserjahr, denn nachdem Wilhelm I. nach kurzer Krankheit verstorben war, kam sein ebenfalls schwer kranker Sohn Friedrich III. an die Macht. Nach nur 99 Tagen erlag er seinem Kehlkopfkrebs und sein Sohn Wilhelm II. Wurde – noch relativ jung – zum Kaiser gekrönt. Dieser war von 1888 bis 1918 der letzte Deutsche Kaiser.

Wie sah die Politik des deutschen Kaiserreichs aus?

Die Politik des Kaiserreichs wurde vor allem durch den Reichskanzler Bismarck geprägt. Einerseits schuf er mit der Einführung der Kranken-, Unfall- und Altersversicherung eine neue Form der staatlichen Sozialpolitik, andererseits unterdrückte er die Sozialdemokratische Bewegung unter Einsatz des Sozialistengesetzes.
Außenpolitisch steht Bismarck für die Gleichgewichts- und Bündnispolitik, deren Ziel der Erhalt des Friedens war.
Dieses System bricht letztendlich durch die imperialistischen
Bestrebungen des neuen Reichskanzlers von Bülow zusammen, der einen
„Platz an der Sonne“ für Deutschland fordert.

Welche wichtigen Erfindungen und Ereignisse prägten die Kaiserzeit in Berlin?

U-Bahnhof Berlin BülowstraßeBerlin wuchs in der Kaiserzeit zu einer Kulturmetropole an, viele Museen wurden gegründet (Museumsinsel), Prachtbauten erfolgreicher Unternehmer schmückten die Straßen, abends wurde in Tanzlokalen aufgespielt.
Auch die Industrie prägte das Alltagsleben: technisch-industrielle Errungenschaften wie, Elektrizität und Automobile verbesserten die gewohnten Lebensumstände grundlegend. Die erste Eisenbahn, die erste U-Bahn, die erste Glühbirne, das erste Telefon, der erste Aufzug und die erste Straßenbeleuchtung hatten ihre Geburtsstunde in der Kaiserzeit. Genauso veränderte Berlins neuer Status als Reichshauptstadt das Stadtbild: So wurde 1894 das berühmte Reichstagsgebäude fertiggestellt und vom Parlament bezogen.
Berlin war aber nicht nur Stadt der Kultur und der Politik, sondern auch Stadt des Wissen. Die Berliner Hochschulen besaßen international hohes Ansehen und zwischen 1901 und 1918 gingen allein sechs Nobelpreise für Chemie, drei für Physik und drei für Medizin an Berliner Forscher.

Wie sah der Alltag zur Kaiserzeit aus?

ZillekinderNeben all den Prachtboulevards und dem Großbürgertum lebte der Großteil der Bevölkerung jedoch in der Armut der dunklen Hinterhöfe und Mietkasernen Berlins. Arbeiter kämpften um ihre Rechte, Frauen für die Emanzipation und die meisten ums Überleben. Die Lage verschlimmerte sich, als sich die Bevölkerung zwischen 1871 und 1910 in Großstädten wie Berlin sprunghaft vervierfachte. Der Künstler Heinrich von Zille beschäftigte sich intensiv mit dem Leben der einfachen Arbeiter und zeichnete das elende Alltagsleben der Bewohner von Berlin (u.a. des Nikolaiviertels) in seinen zahlreichen Szenen, Kurzgeschichten und Bonmots.

Was passierte im Ersten Weltkrieg ?

Deutsche Soldaten in Frankreich auf einem englischem "Beutepanzer"Von 1914 bis 1918 befand sich Deutschland mit seinem Bündnispartner Österreich im Krieg gegen England, Frankreich und Russland. Auslöser dieses europaweiten Krieges waren die wachsenden Spannungen zwischen den europäischen Mächten, die damit verbundenen Vorkriegsbündnissysteme sowie das wilde Wettrüsten zwischen den Bündnissen.
Der Erste Weltkrieg veränderte das Leben der Zivilbevölkerung nachhaltig. Der tägliche Überlebenskampf aufgrund der miserablen Lebensmittelversorgung hinterließ in der Bevölkerung ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber allen staatlichen Instanzen, während das millionenfache Sterben an der Front auch dort die Frage nach dem Sinn des Krieges unausweichlich stellte. Tod und Invalidität, Entbehrung und Gefangenschaft prägten den Kriegsalltag an der Front.

Was passierte 1918?

Phillip Scheidemann ruft die Republik ausIm September 1918 wurde klar, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg endgültig verloren hatte. Die große Zahl der Gefallenen, Lebensmittelknappheit, Rohstoffmangel und soziale Missstände trieben die kriegsmüde Bevölkerung zur Revolution auf die Straße. Das Ende der Monarchie war gekommen und der letzte Deutsche Kaiser Wilhelm II. sah sich gezwungen abzudanken und ins Exil zu flüchten. Der Ruf nach einer demokratischen Republik wurde immer lauter, bis am 9. November 1918 zuerst Philipp Scheidemann von einem Balkon des Bundestags aus und dann Karl Liebknecht im Lustgarten vor dem Stadtschloss die Republik ausriefen.
Das war das Ende der Kaiserzeit.

Welche Nachwirkungen hat das Deutsche Kaiserreich auf die heutige Zeit?

Bismarck-Denkmal Berlin TiergartenWährend der Kaiserzeit gab es in Deutschland viele Umbrüche und Veränderungen, deren Folgen auch heute noch unseren Alltag prägen.
So wurden viele Grundlagen des modernen Staates geschaffen, die heute selbstverständlich erscheinen. Wie zum Beispiel die Schaffung eines deutschen National- und Sozialstaates sowie der Parlamentarismus der sich während der Kaiserzeit entwickelte
Der Wunsch, einen deutschen Nationalstaat zu schaffen, wurde erstmals während der Kaiserzeit erfüllt.
Industrialisierung, Urbanisierung, das allgemeine Männerwahlrecht und weitere Faktoren wie die zunehmende Verbreitung der Tageszeitungen sorgten für ein verstärktes Interesse der Bevölkerung an politischen Fragen.
Schließlich prägte der erste Weltkrieg das gesamte 20. Jahrhundert als „Urkatastrophe“.
Vieles aus der Kaiserzeit beeinflusst bis heute unser alltägliches Leben und erinnert uns tagtäglich an unsere Vergangenheit, die wir in der letzten Augustwoche wieder zum Leben erwecken wollen.